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Von Laborkittel zu Lingerie

Gedanken zu beruflicher Selbstbestimmung

Ich bin inzwischen seit über 3 Jahren Domina und Bizarrlady – Hauptberuflich und Vollzeit.

Immer wieder fragen Gäste mich, was ich „vorher“ gemacht habe und wundern sich, dass ich in diesem Bereich nicht geblieben bin und stattdessen „jetzt das hier mache“.
So wohlgemeint die Fragen bestimmt sind, aus ihnen spricht Stigma und Paternalismus.

Ja, ich habe studiert. Bin Master of Science – äquivalent zu Diplom-Ingenieurin mit Schwerpunkt Molekularbiologie. Hatte mal begonnen zu promovieren, hab das aber aufgegeben. Insgesamt recht erfolgreich und auf dem Weg einer vielversprechenden akademischen Karriere. Cutting Edge naturwissenschaftliche Forschung in einem relevanten Bereich.

Ja, ich könnte diese Karriere fortsetzen. Will ich aber nicht. Ist mir ehrlich gesagt zu prekär. Teilzeit-Gehalt für mehr als Vollzeit-Arbeit, befristete Verträge, ständig Förderung beantragen und ein Auge auf die Fortschritte der Konkurenz haben. Nicht wissen, in welcher Stadt/auf welchem Kontinent ich die nächste 3-5 Jahre verbringe und wann ich vielleicht wo eine feste Stelle bekommen kann. Selbstbestimmung sieht anders aus für mich.

Ja, ich könnte mir mit diesem Fachwissen und Softskills auch einen Job in der Privatwirtschaft suchen und würde sicher eine „gute Stelle“ finden. Will ich aber nicht.

Was ist das überhaupt – eine „gute Stelle“?

In den Augen vieler ist das jedenfalls nicht meine Selbstständigkeit als Sexarbeiterin im BDSM Bereich. Während ich das vom Querschnitt der Gesellschaft irgendwie erwarte, bin ich doch überrascht, wie viele meiner Gäste mich das fragen.

Sexarbeit ist in den Köpfen vieler Menschen mit prekären Arbeitsbedingungen und Lebensumständen, persönlichen und wirtschaftlichen Zwängen verknüpft und das stimmt sicher auch für einen Teil der Branche.
Zu hohe Lebensunterhaltskosten, zu niedrige Löhne in vielen Branchen, fehlender Wohnraum und verschwindende Räume für Begegnungen in der Stadt, Ausbeutung der Schwächsten. – auf alle diese Probleme haben Sexarbeitende allerdings kein Patent. Das sind gesamtgesellschaftliche Probleme. Aber hier wird es eben sehr schnell sichtbar.
Ich würde mal die steile These aufstellen, dass eine Gesellschaft mit florierender Sexarbeit eine wirtschaftlich und sozial starke Gesellschaft ist. Aber das müssten andere Wissenschaftler*innen erforschen. Das ist nicht mein Fachgebiet.

Ich habe mein Hobby zum Beruf gemacht.

Währe ich jetzt Künstlerin, Bäckerin oder Yoga-Lehrerin, würde da niemand länger als zwei Sekunden drüber nachdenken.
Dass ich meinen Lebensunterhalt mit Dienstleistungen als Domina und Bizarrlady verdiene, ist in der Beurteilung von außen ganz schnell verzerrt durch die medialen Darstellungen von Prostitution, die nicht anständig zwischen Sexarbeit und Menschenhandel bzw. Ausbeutung unterscheidet. Dass mir Geld für eine sexuelle Dienstleistung gezahlt wird, negiert nicht automatisch mein Recht und meine Fähigkeit, Konsens zu verhandeln und mein Recht darauf, dass dieser Konsens auch eingehalten wird. Wer das denkt, ist dem Stigma unterlegen.

Meinen Gästen unterstelle ich jetzt mal Wohlwollen, wenn sie mir die Frage nach dem „Warum jetzt das hier?“ stellen. Vielleicht sind sie auch selbst verunsichert und wollen einfach nochmal klar und deutlich hören, dass ich meinen Job gerne und freiwillig mache.
Besonders mit den immer wieder laut werdenden, fundamentalistischen Forderungen nach dem Nordischen Modell (Sexkaufverbot, Kriminalisierung der Gäste) kann ich das nachvollziehen.
In einer BDSM-Session mit mir, ist es mein Herzensanliegen, dass Gäst*innen sich sicher, okay und nicht beschämt und stigmatisiert für ihr sexuellen Neigungen und Bedürfnisse fühlen.
Das sind zwei Gefühlswelten, die schwierig in Einklang zu bringen sind. Deshalb bestätige ich dann gern, wie selbstgewählt und selbstbestimmt ich meine Arbeit mache und dass ich auch noch ziemlich viel Spaß dabei habe.

Und meinen Laborkittel, den trage ich heute gelegentlich immernoch… für Rollenspiele in der Klinik.

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